Hinter der St. Patrick’s Cathedral versteckt sich ein Ort, den viele Dublin-Besucher übersehen: Marsh’s Library, Irlands erste öffentliche Bibliothek. Seit ihrer Eröffnung 1707 ist die Innenausstattung nahezu unverändert geblieben – dunkle Eichenregale, gewölbte Decken und Bücher, die noch an denselben Plätzen stehen wie vor über 300 Jahren. Es ist weniger ein Museum als ein erhaltener Raum aus der frühen Aufklärung.
Geschichte und Gründung
Erzbischof Narcissus Marsh (1638–1713), zuvor Provost des Trinity College, gründete die Bibliothek aus Frust über den fehlenden Zugang zu Büchern in Dublin. Als er 1694 Erzbischof von Dublin wurde, setzte er seinen Plan um: 1701 stellte die Kathedrale das Grundstück bereit, 1703 begann der Bau. Am 6. Mai 1707 wurde die Bibliothek durch einen Parlamentsakt offiziell gegründet, der Titel lautete „An Act for Settling and Preserving a Public Library for Ever”.
Der erste Bibliothekar war Élie Bouhéreau, ein französischer Hugenotte, der vor religiöser Verfolgung aus La Rochelle geflohen war. Er brachte seine bedeutende Privatsammlung mit und vermachte sie der Bibliothek – bis heute ein Kernbestand des Hauses.
Architektur und Ausstattung
Entworfen wurde das Gebäude von Sir William Robinson, dem Surveyor General of Ireland, der auch das Royal Hospital Kilmainham plante. Die zweistöckige Anlage mit tonnengewölbten Decken orientiert sich an der Bodleian Library in Oxford.
- Die 13 Fuß hohen Eichenholzregale tragen vergoldete Schnitzereien und Mitren-Verzierungen.
- Im Treppenhaus finden sich seltene „Barley Sugar Twist”-Geländer, gedrechselte Spiralsäulen im Stil des 17. Jahrhunderts.
- Ein Portrait von Narcissus Marsh hängt im Treppenhaus.
Die Bücher stehen noch an denselben Stellen wie bei der Eröffnung – das macht den Reiz des Ortes aus: Man betritt keinen rekonstruierten, sondern einen tatsächlich erhaltenen Bibliotheksraum.
Die Sammlung
Die Bibliothek beherbergt über 25.000 Bücher aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, dazu rund 300 Manuskripte und etwa 80 Inkunabeln (vor 1501 gedruckte Werke). Die Themen reichen von Theologie, Medizin und Rechtswissenschaft über Naturwissenschaften und Musik bis zu Reiseberichten und klassischer Literatur. Ein großer Teil stammt aus der Sammlung des englischen Bischofs Edward Stillingfleet mit rund 10.000 Bänden, die Marsh 1705 erwarb.
Zu den berühmten Lesern zählten Jonathan Swift, Bram Stoker und James Joyce – wer den literarischen Spuren der Stadt folgt, findet hier eine stille Station abseits der großen Namen.
Lesekäfige, Kettenbücher und Geschichte im Detail
Im hinteren Teil der zweiten Galerie liegen drei vergitterte Alkoven, die „Cages”. In diese Käfige wurden Besucher eingeschlossen, wenn sie besonders wertvolle Bücher einsehen wollten; nach dem Studium mussten sie nach einem Bibliothekar läuten, der sie wieder herausließ. Einige Bände tragen noch kleine Eisenringe am Rücken – Reste der Ketten, mit denen wertvolle Werke einst an die Regale gebunden waren. An den Außenwänden sind zudem Einschusslöcher aus dem Osteraufstand von 1916 sichtbar.
Besuch und Praktisches
Für den selbstgeführten Rundgang solltest du etwa 45 bis 60 Minuten einplanen, eine geführte Tour dauert 30 bis 40 Minuten. Das Haus ist klein, entsprechend ruhig ist die Atmosphäre – ein deutlicher Kontrast zum Trubel rund um die Kathedrale nebenan.
- Eintritt: selbstgeführt 8 € (Erwachsene), 6 € (Studierende/Senioren), unter 18 frei. Geführte Tour mit Mitarbeiter 15 € bzw. 7,50 €, für Gruppen bis 25 Personen.
- Tickets: online über die Kalenderbuchung oder direkt an der Tür. Informationsbroschüren liegen in acht Sprachen aus; Führungen werden auf Englisch gehalten.
- Barrierefreiheit: Die Galerien sind über mehrere Treppen erreichbar (17 Stufen vom Tor, dann 3 und schließlich 22 Stufen) und nicht rollstuhlgängig. Eine barrierefreie Toilette gibt es im Erdgeschoss; beim Tragen von Kinderwagen hilft das Personal (Tel. 01 4543511).
Marsh’s Library liegt direkt hinter der St. Patrick’s Cathedral, ein ermäßigtes Kombi-Ticket für beide Häuser ist erhältlich. In wenigen Gehminuten erreichst du außerdem die Christ Church Cathedral und das angeschlossene Wikinger-Museum Dublinia – zusammen ergibt sich ein kompakter Vormittag im historischen Süden der Altstadt. Die meisten Hop-on-Hop-off-Busse halten direkt vor der Tür; vom Stadtzentrum ist es ein kurzer Spaziergang. Wer den literarischen Faden weiterspinnen will, findet im Guide Schriftsteller die Zusammenhänge zu Swift, Stoker und Joyce.